Unsere Sicht auf Veränderungen – auf den Standpunkt kommt es an

Meine Wahrnehmung

Seit einiger Zeit nehme ich auf Xing oder LinkedIn Beiträge und Kommentare, insbesondere zum Thema Corona, wahr, über die ich mich nur wundern kann. Und wenn ich dann die Profil-Infos der Absender ansehe, dann sind das oftmals augenscheinlich gestandene Geschäftsleute, Menschen mit Personal- und/oder Budgetverantwortung. Nun kann man zu diversen Fragestellungen im Umgang mit der aktuellen Pandemie ja sicher geteilter Meinung sein, Dinge passend oder weniger gelungen finden. Aber: ich bin oft verwundert, manchmal sogar entsetzt bezüglich des Tons und der Wortwahl in Beiträgen oder Kommentaren. Was könnte dies verursachen? Mich beschleicht eine Vermutung: da gibt es Persönlichkeiten, von denen diese aktuelle Situation extrem bedrohlich wahrgenommen wird. Sicher für einige existenzbedrohend. Und diese Bedrohung dann solche Reaktionen hervorbringt.

Der Standpunkt entscheidet.

Diese Äußerungen auf in den Business-Netzwerken machen meiner Meinung nach deutlich, dass Veränderungen nur dann gut sind, wenn wir im Veränderungsprozess Zugriff auf Lenkrad und Gas/Bremse haben, wenn wir über die Kontrolle und Gestaltungs-Spielraum verfügen. Oder zumindest jemanden kennen und beeinflussen können, der über diesen Spielraum verfügt. Dann können wir dafür Sorge tragen, dass der Prozess für uns eher wenige negative Auswirkungen mit sich bringt. Andernfalls wird (die oft von anderen geforderte) Bereitschaft für Veränderungen sehr schnell negiert. Und es wird noch etwas deutlich. In solch einer Zeit ist man geneigt, Stimmen zu glauben, die das eigene Weltbild bestärken, die diese äußere Veränderungs-Macht bekämpfen. Das, was uns bisher auszeichnete und stark gemacht hat, bleibt dann plötzlich auf der Strecke: fundierte Analyse, Rationalität, Zielorientierung, Empathie, ….

Es wird am eigenen Leib erlebt, wie sich Ohnmacht und Ausgeliefert sein anfühlen. Wir fordern klare Kommunikation ein, wollen besser informiert werden. Wir benötigen Klarheit und Verbindlichkeit bezüglich Ziele, Zeitumfang und Methoden während des Veränderungsprozesses.  Wir versuchen, unsere Autonomie wiederzuerlangen. (Und wünschen uns die gute alte Vor-Corona-Zeit zurück. Da waren wir doch gut und erfolgreich, das muss doch wieder herzustellen sein.)

Technologie ist nicht die Lösung

Den Einsatz neuer Methoden zur Bewältigung von Herausforderungen fordern wir gern von anderen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie vehement die Digitalisierung des Unterrichts gefordert wurde. Und dabei völlig ausgeblendet, dass Schule mehr ist als Bücher und Hefte, angereichert um Bild und Ton des Lehrers, welches man entweder live erleben oder am Tablet verfolgen kann. Wie wichtig die vielfältigen sozialen Interaktionen zwischen Lehrer und Schüler und Schüler mit Schülern sind. Da ist schon die durch den MNS bedingte Unterdrückung der Mimik eine Herausforderung, den Gegenüber richtig zu interpretieren. Völlig ausgeblendet wurde dabei, dass sich Erwachsene damit immer noch extrem schwertun. Wie viele Unternehmen waren den froh, wieder in ihre Besprechungsräume zurückkehren zu können, die Mitarbeitenden wieder im Büro zu wissen. Oft wurde vorher ein Kontrollverlust gefühlt. Und die Methoden für ortsunabhängige Interaktion mussten gelernt werden und sind noch zu üben. Kommunikation und Zusammenarbeit findet aber zwischen Menschen statt. Und es benötigt guten Willen, viel Engagement und auch einiges an Zeit, um die erlernten, gewohnten Rituale der persönlichen Interaktion durch digitale Medien zu flankieren.  Hierauf ist besonderer Wert zu legen. Und nicht auf Features und Functions von Applikationen.

Nun, diese Erfahrungen zu machen ist das eine. Aber das Reflektieren hat mir zu folgenden Schlussfolgerungen geholfen:

  1. Gerade in Zeiten von Veränderungen, Brüchen, Neuorganisationen suchen wir nach Erklärungen. Wir benötigen Halt, und wo dieser nicht möglich ist, zumindest einen Weg. Wir suchen nach Stabilität und Sicherheit. Damit bedeutet dies für mich: Informationen geben und Zuhören gewinnt gerade in Zeiten von Veränderungen an enormer Bedeutung. Auch Personen, die sich allein gelassen fühlen, orientieren sich neu, suchen nach neuen Bindungen. Und dies kann ich dann nicht beeinflussen. Also wird es wichtig, Bezugspersonen vorzuhalten, die Halt geben können.
  2. Eine umfassende, offene und ehrliche Kommunikation kann dazu beitragen, Vorbehalte auszuräumen und Widerstände zu verringern. Und dass es nur allzu menschlich ist, wenn der Einzelne dafür kämpft, sein sicheres und für ihn vertrautes Umfeld zu erhalten. Es ist wichtig, nicht nur das WAS zu erklären, sondern auch das WARUM darzustellen. Die Vision zu beschreiben, ein Ziel zu formulieren. Und mit den Betroffenen nach deren Platz im Neuen nachzudenken, den Nutzen, den Sie daraus erzielen können, zu formulieren.
  3. Wir wollen bei Veränderungen nicht nur Spielball sein, sondern das Gefühl haben, zukünftige Entwicklungen mitgehalten zu können. Das Gefühl von Ohnmacht erzeugt Ablehnung, übergestülpte Neuerungen erschweren die Akzeptanz des Neuen. Wir wollen mit unseren Vorbehalten ernst genommen werden (dafür erforderlich ist natürlich, dass diese fundiert sind).

Ich nehme das für meine zukünftige Gestaltung von Veränderungsprozessen mit.

Für Sie alles Gute und bleiben Sie gesund!

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